Welche Farbe haben weiße Wände?

von Achim Hoops, Professor an der HFBK Hamburg

Zu den Bildern von Pia Hodel-Winiker

Ist es möglich, Bilder unvoreingenommen zu betrachten? Gemälde sind zum Anschauen gemacht. Schon durch ihr bloßes Vorhandensein scheinen sie eine Reaktion vom Betrachter zu fordern. Besucher von Kunstausstellungen fühlen daher in der Regel den Drang, ein Urteil abzugeben. Ob das Dargebotene gefällt oder nicht, ob es gut oder schlecht geheißen wird, steht meistens dafür, wie es sich in das Muster des Bekannten einfügt. Offen auf diese Weise Urteilende setzen sich allerdings dem Verdacht aus, mindestens konservativ, wenn nicht gar banausenhaft zu sein. Je nach ästhetischer Heimat des Betrachters kann es auch sehr zum Nachteil für das Kunstwerk werden, wenn es schon Bekanntem ähnlich scheint. In diesem Falle ist der urteilende Betrachter daran gewöhnt, von seinen künstlerischen Zeitgenossen nur ganz Neues, bisher nie Gesehenes zu fordern. Dieser Betrachter ist ein fügsamer Bewohner des Bezirks der Avantgarde.

Zum richtigen Verstehen der Bilder von Pia Hodel-Winiker hilft keines dieser Muster. Dem Konservativen werden die dargestellten Dinge möglicherweise zu unspektakulär, die Farben zu wenig „froh” sein. Der Anhänger der Avantgarde wird sofort eine Nähe zur Malerei der klassischen Moderne diagnostizieren und fälschlicherweise glauben, ein zweiter Blick sei überflüssig. Die Bilder aber verdienen es, dass der Betrachter erst einmal nur schaut und sich eines Urteils enthält. Denn diese Tugend der respektvollen Zurückhaltung kennzeichnet auch die Malerei von Pia Hodel-Winiker.

Als Malerin nimmt sie, was zu sehen ist, als gegeben und versucht es richtig wiederzugeben. Das klingt zunächst sehr schlicht, ist aber bei genauerer überlegung ein großes und schwieriges Unterfangen. Auch im täglichen Leben ist es leichter, Behauptungen aufzustellen als die Wirklichkeit zu erkennen. Der Versuch einer richtigen, also der Sache angemessenen Beschreibung erfordert Geduld. Welchen Geschmack hat Wasser? Mit welcher Farbe malt man eine weiße Wand? Viele der Bilder von Pia Hodel-Winiker zeigen weiße Wände, es ist aber kein einziger Fleck reiner weißer Farbe auf der Leinwand zu sehen. Sie hat sich das Weiß der Wände lange und geduldig angeschaut. Sie hat festgestellt, dass das Wissen, die Wand sei weiß, dem Auge nicht genügt, wenn es erkennen möchte, wie sie wirklich aussieht und also ist. Scheinbar leicht zu fassen, entzieht sich die Farbe Weiß jeder Festlegung. Am Ende geben viele verschiedene Farbtöne auf der Leinwand unterschiedliche Berichte vom Gesehenen, ähnlich vielen verschiedenen Augenzeugen desselben Ereignisses. Aber seltsamerweise gerade wegen diesen widersprüchlichen Farb-Behauptungen erkennen wir auf dem Bild weiße Wände, wie sie wirklich sind: für uns Betrachter ist der Bericht glaubwürdig.

Dies hat seinen Grund in der künstlerischen Haltung der Malerin. Sie traut keiner einfachen Behauptung und kommt so der Wahrheit näher als manch einer.